An der Grenze in Poipet wird alles gehandelt – auch Kinder
Goutte d’Eau – effektive Hilfe für Straßenkinder und Opfer des Kinderhandels
Noch bis vor wenigen Jahren war der kambodschanische Grenzort Poipet ein kleines, unbedeutendes Nest, das kaum jemand kannte. Doch dann kamen die Spielkasinos, die aus Poipet binnen kurzer Zeit ein Eldorado für Glücksspieler, Touristen, thailändische Geschäftsleute und Händler machten. Aus allen Teilen des Landes strömten die Menschen herbei, in der Hoffnung, Arbeit zu finden und ein besseres Leben führen zu können. Die meisten von ihnen wurden bitter enttäuscht. Die Slumgebiete der Stadt wachsen von Tag zu Tag, die Armut ist gewaltig und viele Menschen kämpfen ums Überleben.
Aufgrund der extremen Armut sind alle Familienmitglieder gezwungen zu arbeiten und Geld nach Hause zu bringen – auch die Kinder. Sie sammeln Müll, schleppen Holzkarren mit Koffern, Lebensmitteln oder Haushaltswaren über die Grenze, betteln oder werden als Schmuggler eingesetzt. Die Kinder von Poipet sind in Gefahr, denn mittlerweile gilt die Stadt als eine Drehscheibe des Menschenhandels in Südostasien.
Vor allem kambodschanische und vietnamesische Kinder werden über die Grenze nach Thailand verschleppt. Dort sind die Kinder tagtäglich Gewalt und Misshandlungen ausgesetzt. Pädophile Touristen dürfen sich für wenig Geld an ihnen vergnügen. Nur jene Kinder, die von der thailändischen Polizei aufgegriffen werden, haben eine Chance, in ihre Heimat zurückzukommen. Da viele Kinder jedoch bereits im jungen Alter verschleppt werden, haben sie oftmals keine Erinnerungen mehr, woher sie stammen.
Trotz der lauernden Gefahren der Menschenhändler und kriminellen Banden sind viele Familien darauf angewiesen, dass ihre Kinder an der Grenze arbeiten und Geld verdienen. Über 70 Prozent aller Kinder an der Grenze in Poipet sind nie zur Schule gegangen oder haben diese nach kurzer Zeit abgebrochen. Die Schulausbildung der Kinder bleibt angesichts der Not der Menschen meist auf der Strecke. Dies gilt auch für die meisten Familien von Kbal Spean, einem der größten Slumgebiete von Poipet, in dem auch der zwölfjährige Vuthy mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern lebt. Vor zehn Jahren kam die Familie aus der Provinzstadt Battambang nach Poipet in der Hoffnung auf gutbezahlte Arbeit und ein besseres Leben. Wie auch die meisten anderen Familien, die nach Poipet ziehen, landete die alleinstehende Mutter mit ihren Kindern in den Slums der Grenzstadt. Heute wohnen sie in einer einfachen aus Bambus und Plastikplanen gebauten Hütte, die von Müll und Dreck umgeben ist. Während der Regenzeit gleicht das Slum einer einzigen Kloake.
Um Geld für die Familie zu verdienen, arbeitet Vuthy mit seinen Geschwistern an der Grenze als Lastenträger. Tag für Tag schleppen sie in der sengenden Hitze die schweren Holzkarren mit Gütern beladen über die Grenze. Am Ende des Tages haben sie dafür knapp einen Euro verdient.
Die Sozialarbeiter von Goutte d’Eau kennen die Schwierigkeiten und Nöte der Familien, die in den Armenvierteln Poipets wohnen nur zu gut. Zweimal am Tag gehen sie durch die Slums und an die Grenze. Sie besuchen Familien, deren Kinder durch Goutte d’Eau unterstützt werden und halten vor allem auch Ausschau nach Kindern, die auf der Straße herumlungern und die stark gefährdet sind, verschleppt zu werden.
Die 1999 in Poipet gegründete Organisation Goutte d’Eau hat ein ausgeklügeltes und praxisorientiertes, mehrstufiges Modell zur Rettung, Stärkung und Unterstützung von Kindern entwickelt, die verschleppt und missbraucht wurden oder schutzlos auf der Straße leben.
Die Organisation betreibt nahe der Grenze ein Drop-In Centre, in dem Straßenkinder Schutz finden. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends kommen rund 60 Kinder täglich ins Drop-In Centre. Ihre Eltern arbeiten als Tagelöhner in Thailand und haben keine Zeit, sich um ihre Schützlinge zu kümmern. Auf der Straße wären diese Kinder hilflos den kriminellen Banden und Schleppern ausgeliefert. Mit spielerischen und lerntechnischen Elementen werden die Kinder im Drop-In Centre von Goutte d’Eau unterrichtet und zweimal täglich mit einer warmen Mahlzeit verpflegt. Abends, wenn die Eltern von der Arbeit aus Thailand zurückkehren, gehen die meisten Kinder wieder nach Hause. Nur einige wenige, die kein Zuhause haben, dürfen im Drop-In Centre übernachten.
Etwas außerhalb von Poipet betreibt Goutte d’Eau ein Kinderschutzzentrum mit zahlreichen Einrichtungen. Kinder, die bereits für mindestens sechs Wochen regelmäßig an den Programmen des Drop-In Centres teilgenommen haben, können in der Schule des Zentrums am Unterricht teilnehmen. Hierbei handelt es sich um eine Vorschule, in der zurzeit 276 Kinder auf die Aufnahme in staatliche Schulen vorbereitet werden.
Im Reception Home werden Kinder aufgenommen, die zuvor nach Thailand verschleppt und von der Polizei nach Kambodscha zurückgebracht wurden. Die 45 Kinder im Alter von 6-13 Jahren werden von Hausmüttern betreut. „Auf diese Kinder müssen wir besonders aufpassen“, erklärt Yann Grandin, der zuständige Projektkoordinator. „Schon mehrfach sind Schlepper gekommen, die sich als Eltern ausgegeben haben und die die Kinder angeblich nach Hause holen wollten.“ Die Kinder bleiben im Schutz der Organisation, bis jeder einzelne Verschleppungsfall geklärt ist.
Im Rehabilitation Home des Zentrums werden drogenabhängige Straßenkinder für jeweils sechs Monate aufgenommen. Ziel der Einrichtung ist es, dass die Kinder von den Drogen loskommen und für ihr Leben eine neue Perspektive erhalten. Während der sechs Monate nehmen die Kinder an professionellen Theater-, Tanz-, Akrobatikworkshops teil. Sie kreieren ein eigenes Theaterstück, für das sie sämtliche Kostüme, Masken sowie Bühnenelemente selber
herstellen müssen. Das Hauptziel ist, dass die Kinder durch eigene Kraft etwas erreichen, auf das sie stolz sein können.
„Zum Abschluss des Kurses zieht die Gruppe auf das Land, um in abgelegenen Dörfern mit ihrem Theaterstück auf die vielseitigen Gefahren der Kinder an der Grenze aufmerksam zu machen“, erklärt Yann Grandin. Die Vorführungen sind für alle beteiligten Kinder von enormen Vorteil. Die Kinder in den Dörfern erfahren von den Problemen der Straßenkinder, die ihrerseits durch ihre Aufführungen und den großen Applaus Respekt und Anerkennung erhalten. „Das erste Mal in ihrem Leben dürfen sie erfahren, dass Menschen zu ihnen aufschauen“, erläutert der Projektkoordinator.
Kinder, die erfolgreich am Rehabilitationsprogramm von Goutte d’Eau teilgenommen haben, jedoch keine Familien haben, zu denen sie zurückkehren können, werden im Residential Home aufgenommen. Sie alle besuchen die öffentliche Schule und werden so lange im Schutz der Organisation bleiben, bis sie verlässlich auf eigenen Füßen stehen können.
Anmerkung: Sämtliche Namen der Kinder sind geändert.
Weitere Informationen über die Organisation via Let’s help oder direkt unter:
Damnok Toek (Goutte d’Eau) Poipet
Kontakt: Yann Grandin
Adresse: Samarkum, Palelai Village, Poipet, Banteay Meanchey Province, Cambodia
Telefon: +855 54 394104
Mobil: +855 12 988520
e-Mail: yann@gouttedeau.org oder poipet@gouttedeau.org
Website: www.gouttedeau.org














